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Elena Ledda erzählt über die Musik Sardiniens und ihre Arbeit an »Maremannu«

(Auszüge eines Gesprächs mit Mauro Palmas und Friedemann Witecka, Juni 2000.
Transkript und Übersetzung: Annette Christine Hoch, Redaktion: Stefan Schott)

Elena Ledda

"In Sardinien war sardische Musik bis in die fünfziger Jahre hinein prägend für das Leben der Sarden. Danach gab es eine schwere Krise von etwa zwanzig Jahren, die unter anderem auf das Eindringen neuer Musikstile und auch ein wenig auf den Verlust des Umfeldes der Sarden, das bis dahin maßgeblich war, zurückzuführen war. In den letzten zwanzig Jahren, sagen wir von den siebziger Jahren bis heute, ist man sich dessen jedoch wieder ganz stark bewußt worden. Sardische Musiker haben wieder begonnen, mehr zu spielen und sowohl mit Schulen als auch mit neuen Ansätzen die Tradition wieder aufzugreifen und traditionelle Musik zu bearbeiten. Und daher entdecken auch Gruppen, die sich vorher nicht mit Traditionen beschäftigt und andere Musikrichtungen gemacht haben, [die Musik] neu, indem sie sich mit der traditionellen Kultur beschäftigen und sich ihr so von neuem nähern.

Man kann von einer "Wiedergeburt" der sardischen Musik in Sardinien sprechen. Allerdings ein bißchen später als in anderen Ländern, denn wir sprechen nur von den letzten fünfzehn Jahren. Das verdanken wir auch großen sardischen Künstlern, die der sardischen Musik, zunächst als Einzelkämpfer, schließlich zum Erfolg auf nationaler und internationaler Ebene verholfen haben.

Man kann nicht sagen, dass die sardische Musik eine reine Männerdomäne ist. Es stimmt vielmehr, wenn man sagt, dass Männer immer ein Publikum hatten, während Frauen nur bei, naja, geselligen Anlässen singen durften, also zu Hause, bei Festen, eben im Leben des Mannes. Erst in diesem Jahrhundert hatten auch Frauen ein Publikum. Und wir können auch sagen, dass die bekanntesten Männer der sardischen Musik Frauen waren. Ein Name steht für alle, und das ist Maria Carta.

Ich arbeite schon so lange mit traditioneller Musik dass es für mich schon etwas schwierig zu erzählen ist, wie ich zu den Wurzeln dieser Musik kam. Ich sammle seit über dreißig Jahren traditionelle Lieder, und so ist es für mich auch leicht, in dieser Richtung weiterzumachen. So nehme ich also die Wurzeln auf und bearbeite sie – oder wir komponieren auch neue Stücke, aber immer auf der Grundlage dieser Wurzeln.

Ich habe schon als Kind begonnen, traditionelle Musik zu singen. Das ist nicht so ganz üblich; denn eigentlich ist es üblicher, dass ein Kind andere Lieder singt. Also habe ich mit zwölf Jahren angefangen, und mit sechzehn habe ich ein klassisches Studium begonnen und mich daher mit klassischer Musik beschäftigt. Das habe ich über viele Jahre weitergemacht, und ich kann auch sagen, dass ich nie damit aufgehört habe, denn dann und wann, wenn es eben möglich ist, kehre ich zur klassischen Musik zurück. Als ich aber mit dem Studium fertig war, habe ich gemerkt, dass mein Gefühl für die sardische Musik stärker war, und so habe ich mich lieber damit beschäftigt. Trotz der Liebe zum klassischen Gesang war also die zur traditionellen und zur "Volks-" Musik stärker.

»Maremannu« ist eine Arbeit, die für mich im Moment aus vielen Gründen sehr wichtig ist. Einmal wegen der Beziehung, oder der Bestätigung dieser Beziehung, zu den Musikern, die an diesem Projekt mitgearbeitet haben. Es sind Musiker, die schon seit langem mit mir arbeiten: Mauro Palmas, Silvano Lobina und Alberto Pisu. Und Riccardo Tesi, der auch bei dieser Geschichte wieder mit uns zusammengearbeitet hat. Eine andere wichtige Mitstreiterin ist Simonetta Soro, eine Stimme, die mit mir schon vor langer Zeit, aber in anderen Projekten gearbeitet hat. Vor einigen Jahren hat sie dann auch begonnen, mit mir bei Projekten mit traditioneller Musik zusammenzuarbeiten.

 Elena Ledda und Simonetta Soro

Eine andere ganz wichtige Person ist der Dichter Michele Pio Ledda. Er hat auch den Text geschrieben, der der Platte den Namen gibt, nämlich »Maremannu«. Das Lied ist einem großen Autoren gewidmet, der vor einigen Jahren auf Sardinien gestorben ist und der vielleicht der größte Autor war, den Sardinien je hatte. Ein anderer Grund, weshalb ich so sehr daran glaube [= warum »Maremannu« für sie sehr wichtig ist, Anm. d. Red.], ist der Gebrauch der Sprachen. Im Moment wird in Sardinien viel von Sprache und von Zweisprachigkeit gesprochen. Es sind zwei Gesetze verabschiedet worden - eins auf regionaler, eins auf nationaler Ebene -, die aber immer noch nicht ausreichen, um zu einer echten Zweisprachigkeit zu kommen. Und so wird zwar unsere Sprache gesprochen, aber sie ist immer noch nicht Amtssprache. Deshalb war es sehr wichtig, sie in allen Varianten benutzen zu können, auch auf unserer Platte. Auf der CD ist auch ein Stück in katalanischer Sprache, denn auf Sardinien, in der Stadt Alghero, wird auch noch Katalanisch gesprochen – dank der 500jährigen Herrschaft der Katalanen und Kastilier auf Sardinien. Und ein katalanischer Dichter hat ein Lied für uns geschrieben: "Des de Mallorca a l’Alguer". Der Dichter heißt Albert Garcìa.                            

Warum mache ich eine Platte in Deutschland? Weil wir inzwischen einen guten Produzenten gefunden haben, einen intelligenten und sensiblen Produzenten, der etwas davon versteht [Friedemann Witecka, Anm. d. Red.]. Und – darüber wurde schon viel gesprochen – den findet man in Italien nicht so einfach. In Italien haben wir nur eine Platte aufgenommen. Alles andere waren Platten, die in Frankreich, in Deutschland oder in anderen Ländern produziert wurden. Aber das ist nicht nur mein Problem: so sind zum Beispiel die "Tenores di Bitti" von englischen Häusern produziert worden, und so auch alle anderen. Das ist ein großes Problem!"

 

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